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Energiewende – Handlungsfelder und strategische Denkanstöße

Sven Otto 1. Dezember 2014

Die Industrialisierung der letzten 200 Jahre wurde durch den Verbrauch fossiler Energieträge ermöglicht. Der damit einhergehende Ausstoß von klimaschädlichen Emissionen hat unbestritten Ausmaße erlangt, die uns zum Handeln zwingen, um die nachhaltig negative Veränderung unserer Umwelt und unseres Lebensraums durch den erwarteten Klimawandel zu begrenzen. Dieses Handeln wird tiefgreifende Einschnitte in unser Alltagsleben bedeuten und zu einem Umdenken im Umgang mit unseren Ressourcen führen. Dieses Handeln wird nur möglich sein, wenn es hierfür einen breiten gesellschaftlichen Konsens gibt.

Auch wenn die Energiewende politischer Konsens ist, gesellschaftlich gibt es diesen Konsens auf breiter Ebene (noch) nicht. Vielmehr fühlt sich jede Interessengruppe durch Einschnitte im Handlungsspielraum, durch zusätzliche Kosten oder wegfallende Erträge bedroht. Regelungen zur Umsetzung der politischen Ziele der Energiewende bilden zur Berücksichtigung der unterschiedlichen, teilweise konträren Interessenlagen Kompromisse. Nicht selten wird das ursprüngliche Regelungsziel bzw. die gewünschte Lenkungsfunktion durch die Kompromisslösung nicht mehr erreicht.

International ist unser deutsches Projekt „Energiewende“ höchst umstritten. Uns wird politische Blauäugigkeit oder der Aufbau von Investitionshemmnissen vorgeworfen. Im Zuge der politischen Krisen wie bspw. in der Ukraine steigt die Angst vor Versorgungsengpässen in Folge von Importabhängigkeiten.

Deshalb kann die Energiewende nur mit einem energiepolitischen Gesamtkonzept gelingen, dass die Balance zwischen Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit hält. Eine Fokussierung auf Einzelaspekte wie den Ausbau von erneuerbaren Energien greift zu kurz. Was wir mit der Novellierung einzelner Gesetze derzeit jedoch sehen, ist eher der Versuch einer Kompromissfindung in Einzelfragen.

Die Energiebranche in Deutschland befindet sich in einem umfassenden Umbruch und stellt ihre Akteure zunehmend vor wirtschaftliche Herausforderungen. Die fehlende Auslastung konventioneller Kraftwerke lässt sie unrentabel werden. Betroffen sind hier die Stadtwerke, die in eigene Kohle- und Gaskraftwerke investiert haben bzw. sich an ihnen beteiligt haben. Stadtwerke ohne Erzeugungsengagements stehen derzeit deutlich besser da. Es fehlen Anreize, es existieren gar Hemmnisse für Investitionen in moderne, grundlastfähige Erzeugungsanlagen und die dazugehörige Netzinfrastruktur. Renditen über die Laufzeit der Investitionen lassen sich aufgrund der mangelnden Planungssicherheit nicht bestimmen. Zusätzlich wird steigender Wettbewerb in der Energieversorgung auch künftig die Margen weiter belasten. Daneben ist nach PwC-Untersuchungen mit weiter steigenden spezifischen Gesamtkosten zu rechnen.

Die PwC-Studie „Energie- und Versorgungsunternehmen im Spannungsfeld zwischen Ertrag, Investitionen und Verschuldung“ beschreibt die Entwicklung der Finanzierungssituation der analysierten Stadtwerke im Verhältnis zu ihrer Ertragskraft und kommt zu dem Schluss, dass 25% der betrachteten Werke bereits über Verschuldungsniveaus verfügen, die bei bestehender Ertragskraft tendenziell schwierig zu finanzieren sind. Da ein wesentlicher Teil der Erträge i.d.R. an die kommunalen Anteilseigner als Beiträge zur Finanzierung der Haushalte ausgeschüttet wird und deshalb nicht zur Verbesserung der Verschuldungssituation genutzt werden kann, ist mit einer weitergehenden Verschlechterung zu rechnen. Dies bestätigen Zeitreihenanalysen der Studie.

Bisher haben wir den Zufluss von branchenfremdem Kapital v.a. im Zubau von regenerativen Erzeugungsanlagen sowie der Übernahme von Transportnetzen beobachten können. Wir gehen davon aus, dass es im Zuge der Bewerkstelligung der Energiewende einen Zufluss von weiterem Kapital institutioneller und privater Anleger geben wird, um die notwendigen Investitionen in den sukzessiven Umbau unserer Energieversorgung tätigen zu können.

Die Jahresabschlüsse der Energieversorger spiegeln die mannigfaltigen Herausforderungen wieder. Sie ergeben sich aus der steigenden Intensität des Wettbewerbs, aus den kürzer werdenden Innovationszyklen, der zunehmenden Regelungsdichte  und natürlich aus der Umsetzung der Energiewende.  Die Geschäftsmodelle der Stadtwerke müssen sich diesen Entwicklungen anpassen. Sie sind in einem sich stark wandelnden Umfeld zu Maßnahmen gezwungen, um die zunehmenden Risiken in ihren Kerngeschäftsfeldern Netz und Energievertrieb zu begrenzen. Diese Begrenzung der Risiken muss dazu dienen, die sinkenden Renditen zu sichern.

Um sinkenden Ergebnissen zu begegnen stellt sich die Frage nach Wachstumsfeldern. Wachstum versuchen derzeit verschiedene Stadtwerke durch die Ausweitung ihrer Netzgebiete oder die Ausdehnung ihrer Vertriebsregionen zu generieren. Andere versuchen neue Produkte zu kreieren, insbesondere Energiedienstleistungen, und damit neue Kundengruppen zu erschließen. Somit arrondieren die meisten Stadtwerke ihr Geschäftsfeldportfolio rund um das Kerngeschäft.

Aus unserer Beratungspraxis nehmen wir jedoch zunehmend  wahr, dass einzelne Kommunen an ihre Stadtwerke herantreten und um Unterstützung bei der Lösung lokaler oder regionaler Infrastrukturprobleme zu bitten. Hier geht es z.B. zunehmend um die Breitbandversorgung ländlicher Gebiete.

Daneben sollten die Stadtwerke darüber nachdenken, inwieweit sie den zunehmenden Anliegen der Gesellschafterkommunen entsprechen und stärker als kommunaler Dienstleister auftreten. Sie könnten bei der Modernisierung der Verwaltung unterstützen, IT-Outsourcinglösungen anbieten, Agenturmodelle initiieren und übernehmen. Das Management einer Flotte von Elektrofahrzeugen, die sich aufgrund ihrer Reichweite für den Einsatz in den Kommunen anbieten oder das Management der städtische Liegenschaften könnten weitere Aufgaben sein, die gewinnbringend von den Stadtwerken für ihre kommunalen Anteilseigner erbracht werden könnten. So vermarktet das moderne Stadtwerk seine Projekt- und Prozesskompetenzen als Produkt.

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